Abstract
Die vorliegende künstlerisch-wissenschaftliche Dissertation Zwischen Aneignung und Individuation – Das Konzeptalbum Minha Fé als musikalisch-ethnographische Kultursystemsimulation in der postkolonialen Música Popular Brasileirauntersucht die Forschungsfrage: Was sind die Eigenarten und Einflüsse der Música Popular Brasileira (MPB), und wie manifestieren sich kulturelle Aneignung und Individuation innerhalb ihrer musikalischen Praxis?Ausgangspunkt der Untersuchung ist die selbst komponierte, arrangierte, produzierte und publizierte Maxi-Single Minha Fé, bestehend aus vier Werken im Genre des Choro. Die Musikproduktion fungiert als epistemologische Grundlage und primärer Erkenntnisträger im Sinne der Artistic Research.
Methodisch verbindet die Arbeit Komposition, Audioproduktion, Publikation und Werkanalyse mit ethnographischer Feldforschung, Forschungsreisen nach Brasilien, teilnehmender Beobachtung, Experteninterviews und qualitativer Datenauswertung im Rahmen einer qualitativen Longitudinalstudie. Die Analyse erfolgt konstruktivistisch und orientiert sich an der Grounded Theory.
Die Ergebnisse zeigen, dass die musikalischen Spezifika der MPB nicht auf einzelne Stilmerkmale reduzierbar sind, sondern aus dem Zusammenspiel von Hybridität, oraler Transmission, Improvisation, Emotionalität und kultureller Aneignung hervorgehen. Der Choro erweist sich dabei als historische Matrix der MPB. Der wissenschaftliche Beitrag der Arbeit liegt in der Verbindung von Artistic Research, Ethnographie und Musikwissenschaft sowie in der Erweiterung des Aneignungsdiskurses durch das jungianische Individuationskonzept aus der Perspektive eines nicht-brasilianischen Forschers. Als Ergebnis wird ein multidimensionales Transformationsmodell entwickelt, das kulturelle Aneignung und Individuation als relationale und zyklische Prozesse kultureller Entwicklung beschreibt.